St.Galler Tagblatt, Donnerstag, 26. November 2009

Geheimnis erst halb gelüftet

Die Öffnung des Sarkophags ist ein filmreifer Augenblick. Ein Film hält ihn und erste Ergebnisse fest.

von Josef Osterwalder

Das Szenenbild gleicht einem Operationssaal. Die Umstehenden tragen weisse Schutzmasken vor Mund und Nase. Erstes Instrument des Fachmanns ist ein Endoskopiegerät, ganz ähnlich, wie es auch für Körperuntersuchungen gebraucht wird. Diese High-Tech-Sonde dringt allerdings nicht in einen Organismus ein, sondern in den Sarkophag, der im Hof des Historischen Museums geöffnet werden soll. Die Szene schildert die Augenblicke, bevor der aus dem Klosterplatz gehobene Sarkophag geöffnet wird. Bei dieser Öffnung sind weder Publikum noch Presse zugelassen. Allein der Film hält die Sternstunde der Kantonsarchäologie fest.

Der Blick in den Sarg

Masken und andere Vorsichtsmassnahmen drängen sich im Umgang mit solchen Grabfunden auf. Gefürchtet sind vor allem die giftigen Pilzsporen, die freigesetzt werden könnten. Vorsicht ist aber auch geboten, weil sich organische Materialien an der Luft rasch zersetzen. Darum sind bei der Öffnung des Sarkophags verschiedene Fachleute dabei. Ein Konservator ist bereit, allfällige textile Funde gleich zu konservieren. Die Anthropologin will einen ersten Eindruck von Art, Zustand und Lagerung des Skeletts gewinnen. Der Bildhauer bestimmt die Herkunft des Sandsteins und die Art der Bearbeitung. Noch ist es nicht so weit. Wie bei der Bergung des Sarkophags muss auch für das Abheben des 600 Kilogramm schweren Sargdeckels ein tragender Rost angefertigt werden. Eingeschoben zwischen Trog und Deckel kann so der schwere Stein bruchlos hochgezogen werden. Die ersten Blicke in den Sarkophag verraten ein Gemisch von Freude und Enttäuschung. Die Freude bezieht sich drauf, dass ein ganzes Männerskelett angetroffen wird, das unversehrt erhalten geblieben ist. Eher enttäuschend wirkt, dass weder Stoffe noch andere Materialien, namentlich auch keine Grabbeilagen zu entdecken sind. Diese hätten eine raschere Zuordnung des Skeletts erlaubt.

Was ein Skelett verrät

Mit dabei ist Viera Trancik Petitpierre vom Archäo-Anthropologischen Dienst in Aesch. Nachdem das vorgefundene Skelett fotografiert und abgezeichnet ist, packt sie die Gebeine sorgfältig ein, um sie in ihrem Institut eingehend zu analysieren. An gleicher Stelle waren auch die 40 Gräber untersucht worden, die 1998 bei der Anlage des Calatrava-Foyers freigelegt wurden. Damals zeigte sich, wie viele Details ein Skelett auch nach tausend Jahren noch verrät. Im berühmt gewordenen Grab 13 konnte aufgrund des Skeletts ein Mord nachgewiesen werden. Die Untersuchung solcher menschlicher Gebeine verläuft in Aesch mit gebührendem Respekt. Die Stätte, an der die Knochen lagern, ist als Friedhof eingesegnet. Besonders gespannt wartet man auf die Datierung mit der C14-Methode. Mit ihr kann das Alter von Gebeinen auf hundert Jahre genau bestimmt werden. Die Untersuchung ist allerdings langwierig. Ergebnisse dürften nicht vor drei Monaten vorliegen.

Schwere Arthrose

Skelett und Sarkophag lassen allerdings bereits heute einige Aufschlüsse zu. Erwin Rigert, der die Ausgrabung geleitet hatte, weist auf den auffallend guten Zustand der Zähne des Skeletts hin. Der hier bestattete Mann hatte also Zugang zu guter Nahrung. Umgekehrt fällt die Arthrose an Kniegelenken und Wirbelsäule auf; der Mann muss vor allem am Rücken stark gelitten haben.

Copyright © St.Galler Tagblatt AG


» zum Seitenanfang

» zurück zu "Pressestimmen"