St.Galler Tagblatt - Regionen - Montag, 4. März 2002
Kopierter Stadtheiliger
Wilhelm Meiers Gallusfigur wird nachgebildet - ein Besuch bei den Steinmetzen im Sittertal
Wegen Steinschlaggefahr wurde die Gallusbrunnen-Figur vom Hof des Historischen Museums in den Werkhof Waldau verfrachtet. Seit November fertigen zwei Steinmetze im Sittertal eine Kopie von Wilhelm Meiers Meisterstück an.
von Nicole Hättenschwiler
«Ein fataler Fehler ist, wenn am Anfang zu viel aus dem Stein herausgehauen wird», sagt Steinmetz Christoph Holenstein, der mit der Kopie der Gallusfigur beauftragt ist. «Was einmal weg ist, kann nicht mehr angesetzt werden.» Lange Zeit fristete die vom Zerfall bedrohte Skulptur ein trostloses Dasein im Werkhof Waldau. Eine Erneuerung der Figur hätte das Budget für die Renovation des Historischen Museums gesprengt. Mit der «Ernst und Annelies Grossenbacher-Güntzel Stiftung» wurde schliesslich eine grosszügige Geldgeberin gefunden und die Brunnenskulptur konnte aus der Versenkung geholt werden.
Verwittert und voller Risse
Letzten Herbst bekam Steinmetz Christoph Holenstein den Auftrag, eine Kopie von Wilhelm Meiers Gallus mit Bär aus dem Jahr 1919 anzufertigen. Den hatte der Künstler damals eigens für den Innenhof des neu eröffneten Historischen Museums geschaffen. Die Figur zu retten war nicht möglich, denn die Verwitterung war schon zu weit fortgeschritten und der gute Gallus wies überall Risse auf. «Da wir das Material des Originals - Würenloser Muschelsandstein - überhaupt nicht kannten, hatten wir Angst, dass beim Transport noch mehr kaputtgehen könnte», sagt der Steinmetz. Doch alles lief glatt und so steht Gallus mit seinem Bär seit letztem November in der Steinmetz-Werkstatt im Sittertal. Neunzig Prozent des Originals sind vorhanden, nur das Kreuz und ein Teil des Sockels mit den Füssen mussten rekonstruiert werden.
Vom Granit zum Gallus
Im November stand neben dem alten Gallus in der Werkstatt ein über vier Tonnen schwerer Klotz aus granitischem Sandstein. «Unsere Kräne können nur etwa drei Tonnen schwere Lasten heben», erzählt Christoph Holenstein. Daher musste zuerst etwas Schutt abgebaut werden, bevor der Koloss überhaupt bewegt werden konnte. Mit Hilfe eines Lattengerüstes um die Originalfigur wurde der Gallus grob vermessen. Der offensichtliche Überschuss am Rohling wurde weggehauen. «Es ist spannend, zu sehen, wie der Granitklotz der Gallusfigur immer ähnlicher wird», meint Holenstein. Als nächster Schritt markierte der Steinmetz auf der Originalfigur einige hundert Punkte, welche mit Hilfe eines Punktiergerätes auf die Kopie übertragen wurden. Nun war deutlich ersichtlich, wo noch Schutt abgebaut werden musste. «Wilhelm Meier hat ebenfalls ein Punktiergerät verwendet, um die Masse seines Gipsmodells auf das Original zu übertragen», sagt Michael Sennhauser, Holensteins Mitarbeiter. Kürzlich konnten die beiden Steinmetze auf dem Dachstock des Historischen Museums Meiers Gipsmodelle unter die Lupe nehmen. «Wir sahen, dass sich unsere Arbeitsweise wenig von Meiers Methoden unterscheidet». Das Steinmetzhandwerk habe sich während Hunderten von Jahren kaum verändert. «Die Punktiermethode ist uralt und das mit dem Eingittern haben schon die alten Römer gekannt», erläutert Michael Sennhauser. Abgesehen vom Material habe es höchstens bei den Werkzeugen eine geringe Veränderung gegeben. Zum Beispiel hätten sie den Hammer durch den Kompressor ersetzt. «Trotzdem ist eigentlich alles Handarbeit.»
«Deluxe-Auftrag»
Neben der Gallusfigur mit dem Bären mussten von den zwei Sockeln Kopien angefertigt werden. Nach drei Monaten Arbeit sieht die Kopie dem Original bereits recht ähnlich. «Jetzt kann die eigentliche Bildhauerarbeit beginnen», sagt Holenstein. Der gröbere Teil sei geschafft - nun müssten die Details herausgearbeitet werden. Bis zur Fertigstellung rechnet er mit zwei weiteren Monaten. Der gelernte Steinbildhauer Michael Sennhauser bezeichnet den Gallus-Auftrag als «deluxe». Die genaue Arbeit verlange zwar höchste Konzentration, was manchmal etwas anstrengend sei. «Dieser Auftrag ist eine Ehre und auch ein Vertrauensbeweis von Seiten des Auftraggebers.» Was ihm an seinem Beruf so gefällt, ist die Arbeit mit Stein und dass «man danach immer ein Resultat sieht». An so etwas erinnere man sich natürlich noch lange, sagt Sennhauser. «In fünfzig Jahren kannst du dann mit deinen Enkeln durch den Stadtpark spazieren und ihnen zeigen, was du in deiner Jugend so geleistet hast», lacht Christoph Holenstein.
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