Sanierung der Fassade der Kathedrale - St. Galler Steinmetz mit von der Partie

St.Galler Tagblatt - Regionen - Mittwoch, 16. Mai 2001

Arbeitsort in schwindelnder Höhe

Sanierung der Fassade der Kathedrale - St. Galler Steinmetz mit von der Partie

von Reto Voneschen

Auf dem Gerüst geht es an der Nordseite der Kathedrale steil nach oben. Handwerker und Fotografin steigen voraus, der nicht ganz so fitte und schwindelfreie Schreiber folgt. Der Arbeitsplatz von Christoph Holenstein liegt an der nördlichen Rotunde des Kathedralenschiffes. Seit Februar arbeiten der Steinmetz und seine Kollegen knapp unter dem Kathedralendach, rund dreissig Meter über dem Klosterplatz. Sie restaurieren hier das steinerne Wappen von Coelestin II. Gugger von Staudach, dem Abt, der zwischen 1755 und 1766 die heutige Kathedrale bauen liess.

«Wetter zum Davonlaufen»

Die obersten drei Stockwerke des Gerüstes sind als Arbeitsflächen ausgebaut. Die Plattformen schmiegen sich eng an den obersten, schildförmig nach aussen gewölbten Teil der Rotunde. Die Seiten sind provisorisch mit Plastik und Baunetzen verkleidet - «damit wir wenigstens etwas Schutz vor Regen und Wind haben», sagt Christoph Holenstein. Die ersten Monate auf der «spektakulärsten Baustelle der Stadt» waren «kein Zuckerschlecken». Das Wetter habe ihnen übel mitgespielt. Nass, kalt und windig sei es gewesen: «Februar, März und April waren zum Davonlaufen - Regen, Regen, Regen, und dann noch Schnee.»Anfang Woche erinnert auf dem Gerüst nichts mehr an diese ungemütlichen Tage: Blauer Himmel und Sonne lachen auf die oberste Plattform, ein laues Lüftchen sorgt für Kühlung. Auf der zweiten Plattform ist ein Arbeiter dabei, unterhalb des Wappens mit dem Schlagbohrer grosse Steinstücke aus der Kirchenwand zu lösen. «Das sind Steine, die komplett ersetzt werden müssen. Das sehen wir an ihrer Beschriftung», erklärt Holenstein. Das Wappen und sein Umfeld besteht aus unterschiedlich grossen Quadern aus Teufener Sandstein. Sie alle sind mit Kreide nummeriert. Die Farbe der Nummer zeigt, ob ein Stein ersetzt oder restauriert wird.

Verschiedene Methoden

Die «glatten» Quader - also jene, auf denen keine Reliefteile des Wappens enthalten sind - zu ersetzen, ist einfach. Komplizierter ist es, wenn ein geschweiftes Teil der Skulptur, ein so genanntes Rocaillenstück, ersetzt werden muss. Christoph Holenstein fertigt die Ersatzstücke in luftiger Höhe vor Ort. Er übernimmt mit einem Punktiergerät die markantesten Stellen des Reliefs und arbeitet es dann aus dem Stein heraus.Eine etwas andere Technik wendet ein zweiter Betrieb an, der an der Sanierung der Rotunde beteiligt ist: Die Arbeiter stellen mit Silikonmasse einen Abdruck des Reliefs her. In der Werkstatt - also auf dem sicheren Erdboden - werden dann die Ersatzsteine bearbeitet.

Riesiges Steinpuzzle

Egal, nach welcher Technik gearbeitet wird, am Schluss müssen die paar hundert unterschiedlich grossen Steinquader, die das Wappen des Abtes Coelestin ausmachen, ganz präzis aufeinander passen. Holenstein: «Das Ganze ist wie ein riesiges Puzzle aus Stein. Gewisse Unebenheiten kann man zwar in der Nachbearbeitung noch beseitigen, insgesamt müssen die Teile aber passgenau aufeinander stimmen.»Die Steinquader für die Rotunde wiegen übrigens zwischen 200 und 600 Kilogramm - wenn sie fertig bearbeitet sind. Die Rohlinge bringen es ohne weiteres auf über 800 Kilogramm. An der Kathedrale arbeitet derzeit ein Dutzend Steinmetze und auf Stein spezialisierte Bauarbeiter. Eine grössere Gruppe kommt aus Spanien und Portugal. Für Christoph Holenstein ist die Begegnung mit ihnen eine Bereicherung: «Das sind gute Kollegen, die hart für ihr Geld arbeiten.» Die Stimmung auf der Baustelle sei aber sowieso gut.Für Christoph Holenstein sind die Arbeiten an der Kathedrale «ein idealer Job». Es handle sich um klassische Steinmetzarbeit, wie man sie sonst nicht mehr alle Tage bekomme: «St. Gallen ist in dieser Beziehung halt nicht Rom oder Florenz.» Die Restaurierung des Steinwappens sei für die Beteiligten eine Herausforderung. Aufgrund der Wölbung nach Aussen gebe es - ausser den Horizontalfugen zwischen den Steinlagen - keine Geraden auf den Quadern. Am Anfang habe ihn das ziemlich irritiert. Mit der Zeit entwickle man aber schon «ein Auge» für solche technischen Probleme.

Gar keine Höhenangst?

Und wie ist das mit der Höhe, in der gearbeitet wird? Holenstein grinst: Er sei gar nicht der Typ, der ohne Hemmungen in grösseren Höhen herumturne - wie etwa jene Arbeiter, die das Gerüst zur Fassadensanierung der Kathedrale aufgebaut hätten. «Dank ihnen und ihrem modernen Material arbeiten wir auf Plattformen, die stabil sind und kaum wackeln.» Er selber habe sich damit schnell an den luftigen Arbeitsort über dem Klosterplatz gewöhnt - «zumal das von früheren Sanierungen her nichts Neues ist».

Interesse an alter Bausubstanz

Stichwort «frühere Arbeiten»: Fassadensanierungen sind für den 41-jährigen Christoph Holenstein wirklich nichts Neues. Er hat unter anderem an der Restaurierung der «Krone» in Trogen mitgewirkt, aber auch alten Stadthäusern zu neuem Glanz verholfen. Eine andere Spezialität sind Brunnen-Restaurierungen. Spannende Arbeiten seien da der private Billwiller-Brunnen auf dem Grundstück Leimatstrasse 7 oder der Bleicheli-Brunnen an der Schreinerstrasse gewesen.Christoph Holenstein hat sein Handwerk nach einer ersten Lehre als Hochbauzeichner in Wittenbach gelernt. Danach ging er auf Reisen und arbeitete eine Weile beim Stadttheater als Bühnenplastiker. Seit acht Jahren betreibt er - derzeit mit einem Angestellten - eine Einzelunternehmung. Seine Werkstatt hat er auf dem - «dafür in jeder Beziehung idealen» - Areal der ehemaligen Färberei Sittertal.Christoph Holenstein erledigt alle klassischen Steinmetzarbeiten - vom Grabstein bis zum Brunnentrog. Seine Spezialität ist aber die Restaurierungsbildhauerei. Diese Arbeit, die im Kopieren und Ergänzen bestehender Skulpturen besteht, habe ihn schon immer fasziniert. Das hänge vielleicht mit seinem allgemeinen Interesse am Bauen, an Konstruktionen und an alter Bausubstanz zusammen. Sich mit eigenen Werken selber zu verwirklichen, «war noch nie mein Ding», lächelt der St. Galler Steinmetz.

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